In den Wänden alter Häuser sind manchmal besondere historische Ornamente und Bauteile verborgen. Ein Beispiel dafür ist das einstige Gasthaus „Ratskeller“ in Northeim (Am Münster 15): Die Aufnahme aus dem Jahr 1939 zeigt die Fassade noch vor der Wiederentdeckung der renaissancezeitlichen Fächerrosetten.
Das Haus wurde wohl um 1600 als Braudielenhaus erbaut und soll dem Geschlechts derer von Plesse gehört haben. Neben Tauwerken, Zahnschnitten, Perlschnüren und Volutenkonsolen wurde das Fachwerk mit eingeschnitzten Fächerrosetten verziert, die charakteristisch sind für die „Weserrenaissance“ (die kunstvolle Architektur des späten 16./frühen 17. Jhd. zwischen Harz, Heide und Westfalen). Sie stellen Muscheln dar – ein beliebtes Ornament antiker Bauwerke, welches man in der Renaissance wieder aufgriff.
Anfang des 19. Jhd. ist hier ein Wirtshaus bezeugt, in der die durch den Verkehrsknotenpunkt Northeim durchreisenden Postkutscher übernachteten und ihre Pferde umspannten. 1833 zog schließlich das „Gasthaus zum Ratskeller“ ein, nachdem das mittelalterliche Rathaus mit der originalen Schenke niedergebrannt war. Über viele Generationen hinweg sollte es eines der bedeutsamsten Traditionslokale und Veranstaltungsorte der Stadt Northeim sein.
Verborgenes Zierwerk
Teile des renaissancezeitlichen Zierwerks waren damals jedoch verborgen – leider war es 19. Jhd. nicht unüblich, dass historische Baukunst übertüncht, überputzt oder verblendet und insgesamt in Vergessenheit geraten war.
Erst in den 1950er Jahren entdeckte man die Fächerrosetten des Ratskellers wieder, als die Fassade zur 700-Jahr-Feier der Stadt Northeim saniert wurde. Dabei entschied man sich nicht nur, sie zu bewahren, sondern sie sogar optisch herauszustellen: Hierfür wurde das Schnitzwerk in den Farben rot, gold/gelb und grün angestrichen (welche sich auch im Stadtwappen finden).
Diese Gestaltungsart heißt „Hildesheimer Manier“ und ist charakteristisch für Südniedersachsens Fachwerkarchitektur des 20. Jhd. – ursprünglich waren solche Schnitzereien jedoch monochrom und setzten sich eher durch ihre Plastizität bzw. das Licht- und Schattenspiel ab. Dennoch zeugt der Umgang mit den wiederentdeckten Ornamenten von einem Bewusstsein für den Wert historischer Baukultur – Jahrzehnte vor dem Inkrafttreten erster Denkmalschutzgesetze.
