„Wer heute im Baustoffhandel nach Lehm fragt, wird mit einem ungläubigen Lächeln bestaunt.“ Dieser Satz stand 1984 in einer Abschlussarbeit über ein mittelalterliches Fachwerkhaus am Northeimer Entenmarkt.
In der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts gerieten viele Altstädte in einen desolaten Zustand. Im Jahr 1970 etwa wiesen zwei Drittel der Northeimer Fachwerkhäuser erhebliche konstruktive Mängel oder ungenügende Wohnstandards auf. Die Gründe dafür waren weniger Kriegsschäden, sondern:
- Traditionelles Handwerkswissen geriet immer mehr in Vergessenheit und wurde durch moderne Bauweisen und -stoffe verdrängt. So wurde an den Häusern viel flickgeschustert. Einige Materialien (wie Acrylfarbe, Kunststofffenster oder Asbestplatten) hatten sich dabei noch gar nicht bewährt und stellten sich später als schädlich für die jahrhundertalten Gebäude oder ihre Bewohner heraus.
- Während Schlösser oder Kirchen wertgeschätzt wurden, fehlte noch ein Bewusstsein für die historische Baukultur einfacher Leute. Diese musste dagegen immer wieder modernen Trends und städtebaulichen Anforderungen weichen: Ladenzeilen im Erdgeschoss, breiten Straßen und Parkplätzen, großen Fensterfronten usw.
- Nach dem Ende der Wirtschaftswunderjahre überstieg die Ausbesserung baulicher Mängel allmählich die finanziellen Mittel vieler Hausbesitzer und Kommunen.
Daher schuf die Bundesregierung 1971 das Städtebaufördergesetz – ein Rechts- und Fördergeldsystem für die Instandsetzung der Altstädte. In den Folgejahren kamen über Denkmal- und Steuergesetze weitere Instrumente hinzu. Die Auswirkungen dieser neuen Strategie können wir auf den Fotos des Northeimer Hauses Entenmarkt 14 nachverfolgen.
Es wurde um 1485 als Ackerbürgerhaus mit gotischer Ornamentik, Kellergewölbe und einer repräsentativen Eckstube erbaut. Bis etwa 1900 war der Aufbau weitestgehend intakt geblieben. Der damalige Besitzer – ein Malermeister – baute das Erdgeschoss dann zu einem Laden mit neuen Zugängen und Schaufenstern um. Die Windbretter bemalte er mit Schilden und anderen Motiven. In den 1980ern waren die Malereien verblichen und abgeblättert, die Umbauten im Erdgeschoss waren teils laienhaft zugemauert worden und das mittlerweile windschiefe Haus litt an Wasserschäden.
Über Städtebaufördermittel wurde es schließlich instandgesetzt, wobei auch eine bauhistorische Untersuchung vorgenommen wurde. Unter den über die Jahrhunderte angehäuften Putz- und Lehmschichten entdeckte man historische Befunde wie eine historische Farbfassung (schwarze Balken mit Begleitstreifen auf grauen Gefachen) oder Reste eines mittelalterlichen Spitzbogentores mit Taustab-Schnitzereien. Dieser alte Haupteingang wurde im Rahmen der Sanierungsarbeiten, die 1990 abgeschlossen waren, wiederhergestellt.
Heute ist das fachmännisch instandgesetzte Haus am Entenmarkt eines der Schmuckstücke im Northeimer Stadtbild. Derweil ist das Bewusstsein für den ideellen, ökologischen und ökonomischen Wert historischer Bausubstanz in den letzten Jahrzehnten wieder angewachsen. Auch das traditionelle Handwerkswissen wird wieder verstärkt gelehrt.
Und wer heute im Baustoffhandel nach Lehm fragt, wird auch kaum mehr mit ungläubigem Lächeln bestaunt – vor allem nicht im Fachwerk5Eck!
Autor: René Piehl, Denkmalschutz Stadt Northeim
